25 Jahre morgens zum Abitur in Osnabrück

am Abendgymnasium Sophie Scholl

Stephanie Hanke und Christina Abay

Schon lange kein Exot mehr ist das Morgenangebot des Abendgymnasiums Sophie Scholl in Osnabrücks Bildungslandschaft. 25 Jahre lang geht es mittlerweile am Morgen zum Abitur und das aktueller und gefragter denn je.

„Diesen Weg wäre ich so nicht gegangen“, machte Stefanie Handke deutlich. Als alleinerziehende Mutter mit einem heute fünfjährigen Kind, wäre es ihr nicht möglich gewesen, Abendkurse zu besuchen, da sie ihr Kind nur morgens in entsprechende Betreuungsangebote geben konnte. Bei einer Podiumsdiskussion zur Jubiläumsfeier teilte die heutige Erziehungswissenschaftsstudentin zusammen mit aktuellen und anderen ehemaligen Studenten des Morgenangebotes ihre Erfahrungen mit der Möglichkeit, abweichend zur Bezeichnung als Abendgymnasium, im morgendlichen Unterricht das Abitur nachzuholen. Ähnlich erging es auch Christina Abay. Sie hat zwei Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter und kann ebenfalls nur am Morgen auf das Angebot zurückgreifen. Ohne diese Möglichkeit wäre sie wahrscheinlich erst einmal Mutter und Hausfrau geblieben und würde jetzt nicht ihr Abitur nachholen, berichtet sie. Für andere ist es die Vereinbarkeit mit dem Beruf, der die Morgenkurse so wichtig und attraktiv für sie macht: „Das ist sehr gut mit meinen Arbeitszeiten kombinierbar“, sagt etwa Revsan Mendanlioglu, die in erste Linie nachmittags und abends ihrem Beruf nachgeht.

„Eine Schule der letzten Chance“

Dieser sogenannte zweite Bildungsweg ist für andere wiederum auch eine zweite Chance, sagt Rainer Bendieck. Wir hätten alle im Alter von 18/19 schon „Bockmist gebaut“, machte der Lehrer und Leiter der Podiumsdiskussion deutlich und betonte diese deutsche Besonderheit, das Abitur nachzuholen, wenn es auf den ersten Bildungsweg nicht geklappt hat. Christoph Schüring, Leitender Regierungsschuldirektor der Landesschulbehörde Niedersachsen, ging in seiner Rede noch einen Schritt weiter. Das Abendgymnasium sei „eine Schule der letzten Chance“, denn den dritten Bildungsweg gäbe es gemeinhin nicht. 

 

Kein Randangebot

Besondere Arbeitszeiten, Mütter und Väter, die gleichermaßen die Kinder betreuen – auch für Schüring sind Morgenkurse schon lange kein exotisches Angebot mehr, sondern „ein aktueller und elementarer Bestandteil in Osnabrücks Bildungslandschaft“. Dem pflichtete auch Bürgermeister Burkhard Jasper bei. Den beschwerlichen Weg dorthin beschrieb Gerhard Teschke, ehemaliger Schulleiter des Abendgymnasiums Sophie Scholl, mit einem historischen Abriss der Schule von den 1970er Jahren bis heute und wünschte für die Zukunft: „Immer Rückenwind und immer volle Segel“. 

Chancengleichheit, Förderung und Integration

Das Programm überrasche auch heute noch viele Bürger und sei nicht jedem bekannt, sagte Schulleiter Manfred Keßling. Dennoch habe sich das Morgenangebot von einem kleinen beschaulichem, zu einem wichtigen und alternativlosen Angebot entwickelt, das sich hochaktuell an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Der Schulerfolg hänge stark mit dem Einkommen und der Vorbildung durch die Eltern sowie mit der sozialen Herkunft zusammen. Die Abendgymnasien trügen durch ihre Arbeit einen wichtigen Teil zur Chancengleichheit bei, aber auch zur Förderung und zur Integration von Migranten, die ebenfalls einen großen Teil der Studenten bilden.

 

aus NOZ vom 21.10.2015