Pilotprojekt in Osnabrück

Am Abendgymnasium geht es auch online zum Abi

von Dietmar Kröger (NOZ 26.03.2019)

Online zum Abitur: Lars Höger, Dennis Müsker, Ricarda Gammert und Dennis Serrahn haben sich für den digitalen Weg zum Abi am Abendgymnasium entschieden. Foto: Swaantje Hehmann

Schule als Hobby? Da mag so manchem Jugendlichen ein eiskalter Schauer über den Rücken laufen. Nicht so bei Lars Höger. Der bereitet sich derzeit am Osnabrücker Abendgymnasium Sophie Scholl auf das Abi 2020 vor. Nur so. Aus Spaß. Und dann auch noch online. Das geht?

"Klar, das geht", sagt Höger, der als IT-Leiter bei der Firma Kikxxl einen "Superposten" hat und eigentlich nichts vermisst. Eben bis auf das Abitur. "Ich habe alles erreicht, was ich erreichen wollte. Es fehlte nur das Abi." Also hat der 47-Jährige sich beim Abendgymnasium eingeschrieben, um die Hochschulreife nachzuholen. Und weil ihn der Job zeitlich einschränkt, hat er sich für die Variante "Abi online" entschieden. Der Wechsel aus Präsenz- und Distanzzeiten, dem Lernen zu Hause, schafft die Spielräume, die ein Berufstätiger wie Höger braucht, um den Abschluss erfolgreich zu meistern.

 

Abiregeln gelten für alle

Das will auch Ricarda Gammert. Die 29-Jährige ist schon in wenigen Tagen mit den Abiprüfungen dran und damit unter den ersten zehn Schülern, die überhaupt das Online-Abitur ablegen. Hier darf allerdings keine falsche Hoffnung aufkeimen: Selbstverständlich sitzen die Schüler nicht während der Prüfungen, die am morgigen Donnerstag mit dem Fach Geschichte beginnen, in der heimischen Studierstube, umgeben von sämtlichen Hilfsmitteln, die der Markt zu bieten hat. Wie ihre Kollegen, die am Abendgymnasium den Weg zum Abi hinter sich gebracht haben, oder die Jugendlichen an den Regelgymnasien wird auch Gammert unter gestrenger Aufsicht ihrer Lehrer in den Räumen der Schule an der Hanns-Braun-Straße über ihren Aufgaben brüten.

Online aber war der Weg dahin, zu einem gewissen Teil zumindest. Von den etwa 250 Studenten des Abendgymnasiums Sophie Scholl befinden sich inzwischen schon weit mehr als 50 Prozent (Morgen- und Abendangebot) im Abitur-online-Projekt. Sie werden in allen Fächern nach dem „Blended Learning“-Prinzip (Lernmodell, in dem computergestütztes Lernen, zum Beispiel über das Internet, und klassischer Unterricht kombiniert werden) unterrichtet, wobei das Verhältnis der Distanz- und Präsenzphasen in der Regel jeweils 50 Prozent ausmacht. Die Präsenzphasen in der Schule werden als Unterricht an zwei bis drei Tagen in der Woche realisiert. Die Distanzphasen finden als Selbstlernphasen am heimischen Computer statt, wobei die Aufgaben von den Lehrerinnen und Lehrern über die Lernplattform Moodle bereitgestellt werden.  

 

Projekt hat sich etabliert

Fast alle Kolleginnen und Kollegen des Abendgymnasiums unterrichten heute im Bereich „Abitur online“. Digitale Medien wie PC, Notebook, Ipad sowie verschiedene Anwendungsprogramme werden für didaktische und methodische Aspekte erfolgreich im Lehr- und Lernprozess eingesetzt. "Das Modellprojekt hat sich als elementarer Bestandteil der schulischen Praxis sehr gut manifestiert", sagt Schulleiter Manfred Keßling, der schon vor mehr als 15 Jahren die ersten Schritte des Online-Abiturs in Nordrhein-Westfalen verfolgte und das Modell dann auf Niedersachsen übertragen hat.

 

Klares Ziel vor Augen

Das Online-Abi richtet sich vor allem an Erwachsene mit langen Anfahrtswegen nach Osnabrück oder mit unregelmäßigen Arbeitszeiten wie im Einzelhandel, in der Gastronomie oder in den Gesundheits- und Pflegeberufen. Zu letzteren Beschäftigten gehört Gammert. Sie hat der Druck, der auf den Mitarbeitern im Gesundheitswesen lastet und die Arbeit nach ihren Worten "unbefriedigend" macht, auf den zweiten Bildungsweg Richtung Abitur getrieben – mit einem klaren Ziel vor Augen: Sie möchte gerne ab Herbst Deutsch und Geschichte für das Lehramt studieren. 

Neben Gammert hat auch Dennis Müsker ein paar harte Prüfungswochen vor sich. Müsker ist 22 Jahre alt und als Steuersekretär im mittleren Dienst beim Finanzamt Vechta, wie man so schön sagt, eigentlich "in trockenen Tüchern". Aber er hat keine Lust, einfach nur die für seinen Dienstgrad bis zur Pensionierung vorgesehenen Stufen der Beamtenlaufbahn abzuschreiten. "Ich möchte noch mal was erreichen in meinem Leben", sagt er. Also büffelt Müsker, um ab Herbst Wirtschaftswissenschaften studieren zu können. Für ihn war das "Abi online" die große Chance, die allgemeine Hochschulreife zu erreichen, misst die Entfernung zwischen seinem Wohnort Lohne und der Schule doch satte 60 Kilometer für einen Weg. Da eröffnet das Lernen zuhause ganz neue Möglichkeiten. 

Nur fünf Abendgymnasien in Niedersachsen

Weite Wege sind ein großes Problem. "Niedersachsens Westen ist beim Thema Abendgymnasien unterrepräsentiert", sagt Keßling. Nur noch Oldenburg verfügt über eine derartige Einrichtung. Die restlichen drei der ohnehin nur fünf niedersächsischen Abendgymnasien befinden sich in Hannover, Göttingen und Braunschweig. Um so wichtiger erscheint da die Einführung des Online-Abiturs. 

"Man braucht sehr viel Selbstdisziplin", beschreibt Dennis Serrahn die wohl wichtigste Tugend, die ein Schüler am Abendgymnasium und vor allem auch beim Online-Abi mitbringen muss. Im ersten Anlauf habe es mit der Hochschulreife nicht geklappt. In Ermangelung einer besseren Idee hat der 25-Jährige erst einmal eine Konditorausbildung gemacht. Das war aber nicht so seins. "Ich wollte eigentlich immer Informatik studieren." Ein Jahr muss sich Serrahn noch "durchbeißen", wie er sagt, dann kann dieser Wunsch wahr werden.

 

Schritt in die Welt der digitalen Schule

Für das Kollegium bedeutet das Online-Abi einen großen Schritt in die Welt der digitalen Schule. Vera Funk begleitet das Projekt federführend. "Als Kollegium verlassen wir mit dem Modellprojekt endgültig das Kreidezeitalter, um unsere Schülerschaft für die veränderten gesellschaftlichen Herausforderungen fit zu machen." Die Online-Abiturienten hätten im Schnitt ein höheres Alter, einen längeren Anfahrtsweg zur Schule und unter ihnen befänden sich mehr Personen in einer festen Partnerschaft sowie voll Berufstätige im Vergleich zu Studierenden des Regelbildungsganges, sagt Funk. "Mit dem Projekt haben wir neue Personengruppen angesprochen, und in Konsequenz wird so wesentlich mehr Menschen und berufstätigen Erwachsenen der Zugang zur Bildung ermöglicht."

von Diemtar Kröger (NOZ 26.03.2018)