Zweiter Bildungsweg als zweite Chance

Am Abendgymnasium können Erwachsene das Abitur nachholen

Eine Doppelbelastung ist das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Dennoch geben Christina Abay und Nadja Felka (von rechts) eine klare Empfehlung, diesen Schritt zu gehen. Ein Wegbereiter ist Lehrer Rainer Bendick. Fotos: Swaantje Hehmann
Eine Doppelbelastung ist das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg. Dennoch geben Christina Abay und Nadja Felka (von rechts) eine klare Empfehlung, diesen Schritt zu gehen. Ein Wegbereiter ist Lehrer Rainer Bendick. Fotos: Swaantje Hehmann

Die Gründe, die dazu führen, dass Jugendliche auf dem ersten Bildungsweg auf der Strecke bleiben, sind vielfältig. Das Abendgymnasium Sophie Scholl in Osnabrück gibt diesen Menschen eine zweite Chance. Wir haben mit einer aktuellen und einer ehemaligen Studentin über ihren Lebensweg sowie über Chancen, Belastungen und Möglichkeiten des zweiten Bildungsweges gesprochen.

„Ganz schrecklich“, urteilt Nadja Felka über ihre Zeit an einer Fachoberschule. „Du wirst nie wieder eine Chance auf das Abitur haben.“ – „Du bist für diese Schule nicht geeignet.“ – „Du bist zu doof für diese Schule.“ Die heute 27-Jährige hat in ihrer Schulzeit einige Sätze gehört, die sie alles andere als motiviert haben, als sie diejenige war, die auf der Strecke blieb. „Jung und wenig zielgerichtet“, sei sie damals gewesen. Heute „hat sich alles umgekehrt“, sagt die junge Frau. Dass ihre Lehrer damals falsch lagen, hat sie dabei deutlich bewiesen. Felka hat dank des Abendgymnasiums ihr Abitur in der Tasche und studiert mittlerweile Erziehungswissenschaften und Soziologie an der Universität Osnabrück.

Kein „billiges“ Abitur

Als „letzte Rettung“ beschreibt Felka den Moment, als sie vom Abendgymnasium erfuhr. „Mir war klar, dass ich noch was schaffen will“, sagte sie. Gerade das Morgenangebot der Osnabrücker Bildungseinrichtung half ihr dabei, diesen Wunsch zu erfüllen, denn mit einer dreijährigen Tochter wäre es ihr nahezu unmöglich gewesen, Abendkurse zu besuchen. Eine ganz leichte Zeit war es für sie dennoch nicht – musste sie sich doch bei Präsenzzeiten von zwei bis drei Tagen pro Woche parallel um ihr kleines Kind sowie ihren Haushalt kümmern und jeweils einen langen Schulweg mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf sich nehmen.

Morgenangebot am Abendgymnasium – das klingt ein bisschen wie ein Sprachwitz, ist aber absolut ernst gemeint, betont Lehrer Rainer Bendick. Tatsächlich werde das gesamte Lernangebot auch am Morgen und Vormittag unterrichtet.

Ein vollwertiges Abitur

Bei dem Abschluss, der am Ende winkt, handele es sich keineswegs um ein „billiges“, sondern um ein vollwertiges Abitur. Denn auch das Abendgymnasium ist den Vorgaben des niedersächsischen Zentralabiturs unterworfen. Wer hier, ob nun morgens oder abends, seine Hochschulreife erlangen will, muss den gleichen Stoff erlernen wie ein klassischer Gymnasial- oder auch Gesamtschüler – allerdings deutlich konzentrierter. Bestimmte Fächer wie Sport oder Kunst fallen zwar heraus, ansonsten aber sind die Anforderungen in den Kernfächern wie Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen, Biologie oder Physik die gleichen, inklusive Hausaufgaben. Wer „nebenbei“ einen regulären Job hat, oder, wie im Fall von Felka, ein kleines Kind, das umsorgt werden will, für den entsteht eine keineswegs zu unterschätzende Doppelbelastung.

„Die Schüler können nicht einfach weggeschickt werden“

Christina Abay besuchte von der siebten bis zur elften Klasse ein Gymnasium. Defizite in den Naturwissenschaften sorgten dafür, dass sie die Schule zunächst ohne Abitur beendete – und „jugendlicher Leichtsinn“, wie sie selbst sagt. Wie schnell ein Jugendlicher durch das Raster fallen kann, hat Abay selber erlebt. Nicht nur sie selbst, auch die Lehrer hätten irgendwann aufgegeben. Was in so einem Moment folgt, sei eine Fünf nach der anderen. Bendick sieht hier auch eine Schwäche und einen „systembedingten Druck“ im dreigliedrigen Schulsystem, in dem die schwachen Schüler einfach nach unten weitergereicht würden. Dies sei am Abendgymnasium anders. „Die Schüler können nicht einfach weggeschickt werden“, sagt Lehrer Rainer Bendick.

Eine zweite Chance bietet das Abendgymnasium Sophie Scholl in Osnabrück. In Zukunft soll das Angebot für mehr Flexibilität ausgebaut werden. Nadja Felka und Christina Abay, Lehrerin Sabine Castrup und Schulleiter Mandfred Keßling (von rechts).
Eine zweite Chance bietet das Abendgymnasium Sophie Scholl in Osnabrück. In Zukunft soll das Angebot für mehr Flexibilität ausgebaut werden. Nadja Felka und Christina Abay, Lehrerin Sabine Castrup und Schulleiter Mandfred Keßling (von rechts).

Christina Abay ist Mutter eines achtjährigen Sohnes sowie einer vierjährigen Tochter. Ganz bewusst hatte sie sich damals für die Rolle der Hausfrau und Mutter entschieden. Irgendwann einmal das verpasste Abitur nachzumachen, das stand aber auch schon damals für sie fest. Frisch im Morgenangebot gestartet, bekommt die 32-Jährige jetzt diese zweite Chance. Gerade der Vormittagsunterricht ermöglicht ihr die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sowohl Christina Abay als auch Nadja Felka erleben das Lernen und besonders die Begleitung durch die Lehrer als sehr positiv – es ist ein Unterricht auf Augenhöhe. Die Studenten – so werden die Schüler im Abendgymnasium genannt – seien zielstrebiger und„wollen lernen“, denn sie hätten sich bewusst für die Schule entschieden, sagt Rektor Manfred Keßling. Deshalb seien nicht nur sie auf Erfolg aus, auch die Lehrer seien motiviert und hätten deutlich größeren Spielraum, auf die individuellen Anforderungen der Lernenden einzugehen als zum Beispiel ihre Kollegen in den Gymnasien.

Nächster Schritt: E-Learning

Das Einzugsgebiet des Abendgymnasium Sophie Scholl ist groß, denn Abendgymnasien sind in Niedersachsen rar gesät. Die nächsten vergleichbaren Schulen befinden sich erst wieder in Oldenburg und Hannover. Dabei ist sich Keßling sicher, dass der Bedarf für solche Einrichtungen groß ist. Mit einem entsprechenden Ausbau des Angebotes könne auch das Klientel stark erweitert werden, glaubt er. Ein nächster Schritt wäre in seinen Augen die Einführung eines E-Learning-Angebotes, wie es bereits in Nordrhein-Westfalen Anwendung findet. Durch Online-Unterricht, -Aufgabenstellung und -Feedback könnte die Präsenzzeit verringert und gleichzeitig die Flexibilität für die Studenten erhöht werden.

Studenten zum Durchhalten bewegen

Durch sich verschärfende Arbeitsbedingungen im Berufsleben seien gerade Flexibilität und freie Zeiteinteilung ein entscheidender Faktor, Menschen einen Abschluss über den zweiten Bildungsweg zu ermöglichen und bereits angetretene Studenten zum Durchhalten zu bewegen, sagt Keßling.

„Nicht nur die Schule verliert Menschen, sondern auch die Gesellschaft“, gibt sein Kollege Rainer Bendick zu bedenken. Das Osnabrücker Abendgymnasium werde sich deshalb gegenüber dem Land aktiv dafür einsetzen, das E-Learning auch in Niedersachsen zu ermöglichen. „Niedersachsen, das Land der Ideen – das würde doch gut passen“.

 

Ein Artikel von David Hausfeld, NOZ, 23.12.2105